Japanisch für Anfänger

von Marc Weiherhof

Rico, ein äußerst gut aussehender, muskulös gebauter Fitnesstrainer, versteht unter romantischer Liebe bislang lediglich Leistungssport mit möglichst vielen Partnern. Gefühle? Fehlanzeige. Eine Beziehung? Viel zu aufwendig. Doch das ändert sich, als er den verträumten, japanischstämmigen Hiroshi kennenlernt. Mit seiner liebenswert tollpatschigen Art zieht der Altenpfleger den Coach in seinen Bann. Ein seltsam unbekanntes Gefühl schleicht sich in Ricos Brust. Ist er womöglich von einem tödlichen Virus befallen? Nein, Verliebtheit rafft normalerweise niemanden dahin, außer man macht wirklich alles falsch.

„Japanisch für Anfänger“ ist ein humoristisches Feuerwerk gespickt mit großen Emotionen und prickelnder Homoerotik.



Leseprobe

„Kommt schon. Ihr werdet doch nicht schon beim Warm-up schlappmachen, oder? Jetzt legen wir erst so richtig los. Zehn Minuten Bergintervall. Go, go, go.“ Ricos Stimme vermittelt unbändigen Bewegungsdrang und wirkt ansteckend. Keuchen und der eine oder andere Fluch dringen an seine Ohren. Er lächelt und speist den am Lenker seines Indoorbikes befestigten Touchscreen mit den entsprechenden Befehlen. Die Elektronik greift unverzüglich ein und erhöht den Widerstand.

Rico legt mehr Kraft in seine Beine.

Er trägt kurze schwarze Rennradhosen und ein atmungsaktives Muskelshirt in Rot. Diese Klamotten betonen nicht nur seinen sportlich-muskulösen Körperbau, sondern eignen sich auch bestens fürs Indoorcycling. Eingängige Popmusik dröhnt aus den Boxen und unterstützt die Sportler beim Erreichen der gesetzten Trainingsziele. Ricos Sportgerät, ein rot glänzendes Indoorbike – eine Art stationäres Fahrrad ohne Räder, dafür mit Stützstreben als Füße – steht in der Mitte des hell erleuchteten Raums. Leicht versetzt hinter ihm stehen die Bikes der Teilnehmer in einer Reihe. Mithilfe eines großen Spiegels behält er jederzeit den Überblick und kann zielgerichtet Ratschläge geben und die Sportler bei Bedarf anfeuern. „Nicht schlappmachen, Bea“, ermahnt er eine sehnige, blonde Frau Mitte dreißig, deren Gesicht eine äußerst ungesunde Farbe angenommen hat.

Eine überreife Tomate ist nichts dagegen.

Ihre Blicke treffen sich. „Trink einen Schluck und schalt den Widerstand um eine Stufe zurück.“ Die Blondine nickt und gibt dem Bordcomputer die entsprechenden Befehle. Dann nimmt sie gierig mehrere Schlucke aus ihrer Trinkflasche und tupft sich die Stirn mit einem Handtuch ab. „Kommt schon, weiter. Lasst euch von der Musik tragen. Setzt euch ein Ziel und fahrt darauf zu.“ Ein feiner Schweißfilm bildet sich auf Ricos Körper und das rote Shirt klebt an seinem trainierten Oberkörper. Er weiß, wie hart das Training ist, und dennoch fühlt man sich am Ende, als ob man etwas Großes erreicht hätte. „Die letzten Minuten noch, Leute. Nicht schlappmachen. Da vorne ist euer Ziel, steht auf und gebt alles, um es zu erreichen.“ Rico erhebt sich, die Kursteilnehmer machen es ihm nach. Ihm bleiben die teils neidischen, teils lüsternen Blicke auf seinen Knackarsch nicht verborgen – ein Booster für sein Ego.

Schweres Atmen erfüllt den Raum.

Das Gerät piepst, zeigt an, dass die letzten zehn Sekunden angebrochen sind. Er zählt laut mit, spornt die Teilnehmer nochmals so richtig an. Ein junger Mann, der offenkundig das erste Mal an einem Cycling-Kurs teilnimmt, sieht gequält aus. Er kriegt kaum Luft, sein Kopf ist feuerrot und das Haar patschnass. „Gut. Ihr habt es geschafft. Seid ihr stolz auf euch?“

„Ja“, echoen die Teilnehmer im Chor, während sie sich auf ihre Sättel zurückfallen lassen.

„Aber wisst ihr, was das Geilste ist? Wir sind noch lange nicht am Ende. Zehn Minuten Ausdauer. Intervall Nummer fünf.“ Rico lässt seinen Blick über die Teilnehmer schweifen. Bea hat sich erholt, sieht nun wieder topmotiviert aus und auch bei den anderen scheint es keine Probleme zu geben. Bei allen außer dem Italiener. „Fernando, alles klar bei dir?“, erkundigt sich Rico skeptisch. Die einzige Antwort, die er erhält, ist ein wenig überzeugendes Nicken. „Trink etwas und schalte auf Intervall drei zurück.“

„Ich schaffe das schon“, knurrt Fernando und strampelt noch viel schneller, obwohl es mehr als deutlich ist, dass er bald zusammenklappt.

„Du siehst aber nicht so aus. Ich will nicht, dass du in meinem Kurs einen Kreislaufkollaps erleidest. Tu bitte, was ich dir sage.“

„Alles gut.“

Rico seufzt. „Deine Verantwortung, Fernando.“ Er schickt dem jungen Mann seinen eindringlichsten Blick, bevor er das Training fortführt. „Gut, nicht nachlassen, Leute. Diese paar Minuten dienen als Entspannung und dennoch soll unser Körper Kalorien verbrennen. Bereitet euch auf den endgeilen Schlussspurt vor. Rennmodus. Zehn Minuten volle Power.“ Erneutes Stöhnen. „Ihr macht das nicht für mich, daran solltet ihr immer denken. Wem es zu anstrengend ist, der kann natürlich auch den Kopf in den Sand stecken und aufgeben.“ Kopfschütteln bei den Sportlern. „Also hört auf euch zu beschweren und verlangt eurem Körper das Maximum ab.“ Die vier Frauen und fünf Männer trinken gierig aus ihren Flaschen, wischen sich den Schweiß vom Gesicht und strampeln weiter. Wieder zählt der Trainer – manche dürften ihn auch Folterknecht nennen – die Sekunden runter. „Acht – Rennmodus Stufe vier, sieben – ich will alles von euch sehen, fünf – zehn Minuten volle Power, drei – keine Ausreden, zwei – keine Schwäche, eins – bereit und los!“ Die Teilnehmer bedienen ihre Touchscreens. Ihre Bewegungen werden fast augenblicklich schneller, ihre Atmung angestrengter. Rico steht auf, lehnt sich mit den Unterarmen auf den Lenker und tritt kräftig in die Pedale, die Anderen folgen seinem Beispiel. Die Clips an den Schuhen verhindern, dass die Sportler abrutschen und sich verletzen. „Schneller, los, schneller.“

„Sklaventreiber“, murrt die Blondine und schickt ihm böse Blicke, bevor sie sich wieder auf ihren Körper konzentriert. Rico verkneift sich ein Grinsen, wohl wissend, dass ihn die Teilnehmer beobachten.

„Und was seid ihr, Babys? Wollt ihr etwa die Schneckenolympiade gewinnen oder wie sehe ich das?“ Rico will alles aus den Teilnehmern herauskitzeln. „Los, schneller. Ich will Geschwindigkeitsrekorde sehen. Lasst die Funken sprühen!“ Auf diese Art des Ansporns reagiert erwartungsgemäß vor allem das männliche Geschlecht überdurchschnittlich gut, so auch heute: Die Männer legen noch mal kräftig zu. Um die Damen zu motivieren, bedarf es einer subtileren Herangehensweise – sie muss man bei ihrem Stolz packen. „Und die Ladys? Ist es zu schwer für euch? Tja, da sieht man mal wieder den Unterschied zwischen den Geschlechtern.“ Na also. Zusammen radelt die Truppe auf die unsichtbare Ziellinie zu. Es scheint, als ob niemand mehr auf die Musik hörte. Die Sportler sind in ihrer ganz eigenen Welt mit brennenden Muskeln und Körpern am Limit gefangen. Doch niemand will so kurz vor dem Ziel aufgeben oder zeigen, dass er der Herausforderung nicht gewachsen ist. „Noch dreißig Sekunden. Kommt schon. Schneller, gebt nicht auf. Gebt alles. Kommt. Los.“ Natürlich brennt auch bei Rico die Wadenmuskulatur, außerdem ist er total verschwitzt und dennoch gibt ihm dieser Job den gewissen Kick. Schweiß, Kraft, Muskeln, striktes Training und körperliche Betätigung, das ist seine Welt.

Er liebt es.

„Zählt laut mit und legt noch einen Zacken zu. Ich will sehen, wer schneller ist. Ihr oder ich? Die Frauen oder die Männer!“, brüllt Rico in den Raum. „Zehn.“ Alle setzen ein. Bei manchen ist außer dem lautstarken Keuchen nichts zu hören.

Vor allem Fernando macht Rico Sorgen.

Der junge Italiener sieht noch mitgenommener als zuvor aus. „Neun.“ Er gibt sein Letztes. „Acht.“ Fernando hat die Augen geschlossen, sein Gesicht ist feuerrot. „Sieben.“ Er wird langsamer. „Sechs.“ Soll ich das Training vorzeitig abbrechen? „Fünf.“ Nein, wir beenden es ordnungsgemäß. „Vier.“ Die Teilnehmer sind bis zu den Haarspitzen angespannt. „Drei.“ Der Italiener hängt mittlerweile über dem Lenker. „Zwei.“ Sein Brustkorb hebt und senkt sich viel zu schnell. „Eins und fertig“, beendet er die Trainingseinheit. „Da könnt ihr verdammt stolz auf euch sein. Ihr habt es geschafft! Herzlichen Glückwunsch. Gut, jetzt auslaufen lassen und noch fünf Minuten locker weiterfahren“, instruiert er die Teilnehmer, bevor er sich von seinem Indoorbike schwingt und auf Fernando zugeht. „Wie geht es dir?“, will er wissen und berührt den Mann an der Schulter. Einen Moment lang reagiert Fernando nicht, doch dann blickt er langsam auf. Sein Gesicht ist schweißüberströmt und er kriegt kaum noch Luft.

„Gut“, bringt er keuchend hervor.

„Das glaube ich dir nicht. Steig bitte ab und komm mit mir. Es ist wohl besser, wenn du dich hinlegst.“

„Mir geht’s …“

„Schluss jetzt. Steig ab, sonst muss ich dich dazu zwingen und das wäre mehr als peinlich für dich.“ Die zwei sehen sich einen Moment tief in die Augen, bevor Fernando klein beigibt und widerwillig absteigt. Die Männer verlassen den Trainingsraum und gehen durch das Fitnessstudio zum modernen Empfangsbereich. Dort gibt es bequeme Sessel, Regale mit Zeitungen und Magazinen, sowie eine Couch. „Leg dich hin. Ich bringe dir etwas zu trinken und einen Energieriegel.“ Ohne Widerworte tut Fernando, was ihm sein Trainer rät. Langsam lässt er sich auf die Couch sinken, noch immer atmend wie ein Walross nach einem Marathon.

„Konnichiwa, Misaki“, begrüßt Rico die japanisch-stämmige Kollegin am Empfang freundlich.

„Dir auch einen guten Tag, Rico.“ Obwohl sie es nie zugeben würde, gefällt es ihr ausgesprochen gut, in ihrer Muttersprache angesprochen zu werden – sie strahlt übers ganze Gesicht. Das war’s dann aber auch schon mit Ricos Japanisch – obwohl Misaki es schon oft versucht hat, liegt ihm diese fremdartige Sprache einfach nicht. Als der Blick der Empfangsdame auf Fernando fällt, entfährt ihr ein entsetztes Keuchen. „Oh Gott. Was ist passiert? Was ist mit ihm? Muss ich einen Krankenwagen rufen?“

„Nein, eine Ambulanz braucht der sicher nicht, mach dir keine Sorgen, Misaki. Nicht jeder hält mein Training aus“, entgegnet Rico mit einem breiten Grinsen.

„Ja, das kann ich mir vorstellen“, gibt Misaki zwinkernd und kichernd zurück. „Du sollst doch die kleinen Schwächlinge nicht immer so hart rannehmen, Rico.“

„Ja, ich weiß, aber was soll ich machen, wenn man mir solche Anfänger zuteilt?“

„Er wollte explizit zu dir. Ich hab ihm gesagt, dass es eigentlich kein Kurs für Anfänger ist.“

„Hey, ich kann euch hören“, beschwert sich Fernando. Misaki und Rico lachen vergnügt. Der Fitnesstrainer bedient sich an der Bar mit einer Wasserflasche und einem Energieriegel.

„Hier, trink ein paar Schlucke, bevor du den Riegel isst. Bleib bitte liegen, bis es dir besser geht. Ich beende fix den Kurs und schaue nochmals nach dir.“ Fernando nickt und nimmt einen kräftigen Zug aus der Wasserflasche. Rico trocknet sich das Gesicht mit seinem Handtuch ab und betritt erneut den Trainingsraum. „Gut, das war’s. Beendet das Training, desinfiziert die Bikes und geht duschen. Ihr wart genial. Jeder Einzelne von euch hat heute einen tollen Einsatz geleistet. Hat Spaß gemacht. Das nächste Training ist heute in einer Woche.“

„Du hast uns ja wieder ganz schön ans Limit getrieben“, meint Bea vorwurfsvoll, bevor sie einen kräftigen Schluck aus ihrer Flasche nimmt. Sie tritt so nah zu Rico, dass er sie riechen kann. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich schnell und das verschwitzte Top zeigt zu viel von ihrem Dekolleté. Schweißperlen rinnen an ihren Brüsten entlang. Rico unterdrückt ein Schaudern. Sie fixiert ihn mit einem mehr als eindeutigen Blick und klimpert mit ihren Wimpern. „Ich würde gerne mal ein Privattraining mit dir absolvieren, Rico. Was hältst du davon?“ Sie flirtet ihn gnadenlos offensichtlich an.

„Bea, ich …“

„Jaja, ich weiß, du triffst dich nicht privat mit Kundinnen. Das Studio verbietet es, ich kenne alle Ausreden, aber Rico, du würdest es nicht bereuen. Ich bin sehr …“

„Ich stehe nicht auf Titten, Bea“, platzt er schließlich heraus. Sie verstummt und starrt ihn an. Man sieht förmlich, wie sich in ihrem Kopf die Gedanken überschlagen.

„Schade. Wir hätten sicher viel Spaß zusammen gehabt“, entgegnet sie schnippisch und versucht verzweifelt ihre Contenance zu bewahren. „Warum sind die heißesten Kerle immer schwul?“ Damit geht sie davon und schwingt ihren Hintern dabei derart lasziv, dass die Kerle an den Trainingsgeräten aus der Routine kommen. Rico verabschiedet sich von den anderen Teilnehmern.

„Das würde ich gerne wiederholen“, spricht ihn Thorsten, ein großer, schlanker Kerl an.

„Das freut mich, du kannst am Empfang gerne einen neuen Termin buchen.“

„Das werde ich machen.“

„Vielleicht kommst du in die fortgeschrittene Gruppe? Ich könnte mir dich dort gut vorstellen. So wie ich dich heute erlebt habe, würde das gut passen.“

„Okay, alles klar. Danke, Mann.“ Damit verabschiedet sich Thorsten und verschwindet Richtung Umkleide. Der Fitnesscoach stellt die Musik aus, reinigt sein Rad und alle anderen Trainingsgeräte erneut, reißt das Fenster weit auf und verlässt den Raum. Auf dem Weg zurück zum Eingang begrüßt er langjährige Kunden, gibt Tipps an den Geräten und unterhält sich mit Kollegen. Als er am Empfangstresen ankommt, sinkt seine Laune schlagartig.

Die Couch ist leer.

„Wo ist mein niedlicher Patient hin?“, fragt er Misaki, die gerade eine ältere Kundin berät und ihr ein Faltprospekt zeigt. Sie grinst ihn nur verschmitzt an und verdreht die Augen.

„Es ging ihm angeblich besser“, antwortet sie knapp und konzentriert sich wieder auf die Kundin.

„Gut“, murmelt Rico ernüchtert, als er sich zu den Umkleiden aufmacht. Eigentlich hätte er sich gerne noch eingehender um Fernando gekümmert und ist ein wenig enttäuscht, dass sich der Kleine einfach vom Acker gemacht hat. Habe ich die Blicke falsch gedeutet? Ist mein Gaydar defekt? Ricos Schicht ist zu Ende, weshalb er sich auf eine erfrischende Dusche und den ersehnten Feierabend freut. Es ist gerade mal dreizehn Uhr, also steht ihm der ganze Nachmittag zur Verfügung. Die Personalräume befinden sich neben der Kundenumkleide. Als Rico darauf zugeht, tritt ein Lächeln auf sein Gesicht. Wusste ich’s doch! Vor der Tür mit der mehr als deutlichen Aufschrift ‚Nur für Personal’ steht Fernando. Er hat sich lässig an die Wand gelehnt und sieht unheimlich gut aus: Schlank, groß, dunkler Teint. Als Rico näher kommt, beginnt der Italiener zu strahlen.

„Da bist du ja endlich.“

„Ja, da bin ich. Es scheint dir wieder besser zu gehen, wie ich sehe“, entgegnet Rico mit einem breiten Grinsen.

„Ich weiß auch nicht, was mit mir los war. Wahrscheinlich hat mir deine Rückansicht den Atem geraubt.“ Fernando tritt vor Rico und legt seine Hände auf dessen verschwitzte Oberarme. Lasziv leckt sich der junge Mann über die Lippen. Es ist klar, was er will, doch Rico wird ihn noch ein wenig zappeln lassen.

„Sag mal, spinnst du? Ich arbeite hier. Wie kommst du dazu, mich derart plump anzugraben?“ Fernando reißt die Augen weit auf und lässt Rico blitzschnell los, als ob er hochansteckend, nicht zu sagen infektiös wäre. Erst als der Trainer zu lachen beginnt, dämmert es seinem Kunden.

„Blödmann.“ Rico packt Fernandos Arm, öffnet mit seiner Magnetkarte die Tür und schiebt den Südländer ins Innere der Personalumkleide.


Schreibe einen Kommentar