Failed 1

von Chris P. Rolls

Kaninchen sind flauschig und nett. Nicht so Louis Bauer, weder als Kaninchenwandler noch in seiner menschlichen Form. Ohnehin am untersten Ende der Nahrungs- und Befehlskette, schiebt er seit dem tragischen Tod seines Partners Hass auf alles, was Raubtier ist. Ausgerechnet er wird dazu verdonnert, einen Eliteagenten und Frischling von der Wandlerakademie anzulernen. Natürlich ein Fleischfresser. Und als ob es nicht noch schlimmer kommen könnte, erweist sich dieser auch noch als die Personifizierung seiner feuchten Träume. Gemeinsam erhalten sie einen brisanten Auftrag, der sie nicht nur in die Wüste schickt, sondern einander auch näher bringen könnte. Wer möchte wohl wen vernaschen oder lieber vernascht werden?

Eine etwas satirische Wandlerstory von 53 tsd Wörtern. Als Printbuch sind das 240 Seiten. Shifter/Wandler sind Menschen, die sich in ein Tier wandeln können. Es ist keine Tierstory.



Leseprobe

„Morgen, Louis! Na, miese Nacht gehabt? Warte es ab, der Tag wird noch schlechter.“

Na, toll. Wenn es etwas gab, was Louis Bauer die Laune noch mehr verderben konnte als lauwarmer To-Go-Kaffee mit zu wenig Zucker, einem Sprint zur S-Bahn, bei der er sich beinahe selbigen über die Jeans gekippt hätte und einen furzenden Sitznachbarn, dann war es Ingolfs hämisches Grinsen am Morgen noch, ehe er seinen Arbeitsplatz erreicht hatte.

„Fick dich, Opossum!“ Louis zeigte ihm den Stinkefinger, verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

„Dafür hast du doch sicher schon jemand anderen gefunden.“ Ingolf gab die obszöne Geste gnadenlos zurück. „Da liegt eine Meldung auf deinem Schreibtisch. Und der Chef hat gesagt, du sollst mit deinem Puschelschwanzarsch in einer Stunde in sein Büro hoppeln.“

„Besser einen Puschel als einen dünnen, langen Schwanz. Sag mal, Ingolf, ist dein Sack auch so haarig wie bei anderen Rattenwandlern?“

„Opossums sind keine Ratten, und das wirst du wohl nie rausfinden, Hoppler!“ Grinsend wandte Ingolf ihm den Rücken zu, während die anderen im Büro über das typische Morgengeplänkel nur die Köpfe schüttelten. Derbe Sprüche gehörten nun mal zur Tagesordnung in ihrer Abteilung. Schlechte Laune ebenso, denn jeder, der hier Dienst machte, tat das nicht freiwillig, sondern hatte für gewöhnlich bei einem Außeneinsatz der Shifter Force Mist gebaut.

Fluchend setzte Louis den Becher ab, warf sich schwungvoll in den quietschenden Drehstuhl, der prompt zu weit rollte und gegen Daphnes Tisch stieß, die ihn empört anzischte.

„Na, Gänschen? Auch nicht gut aus dem Bett gekommen? Fängt der frühe Vogel keinen Wurm?“ Louis versuchte sich an einem Lächeln, obwohl er die Sturmwolken über der scharfen Nase auf der gefurchten Stirn quasi schon heraufziehen sah.

„Musst du mir den Tag noch mehr verderben? Mann, ich muss diesen riesigen, dämlichen Berg Ablage hier drin in eurem Mief machen und draußen weht frischer Wind, scheint die Sonne. Noch zwei Wochen, dann darf ich endlich wieder in den Einsatz. Also behalt deine blöden Sprüche für dich. Ich denk an dich, wenn ich in den Himmel fliege und du deine Hasenköttel noch immer hier ablassen musst.“

„Autsch, dein Schnabel ist heute spitz.“ Seufzend rollte Louis sich zurück, bedachte die Frau mit den glatten schwarzen Haaren, die im Nacken zu einem Zopf gebunden waren, ein wenig zerknirscht. „Zwei Wochen nur noch? Mein Neid ist dir sicher.“

„Tja, der Vorteil, wenn man unverschuldet den Einsatz versemmelt hat, weil dieses dämliche Fenster zu war. Beim ersten Anfliegen war es noch offen. Konnte ich ahnen, dass die das schließen und ich Schnabel voraus dagegen knalle?“

„Sei froh, dass du nicht schwer verletzt, nur bewusstlos geworden bist und die Observation nicht bemerkt wurde“, erwiderte Louis, betrachtete den Umschlag auf seinem unordentlichen Schreibtisch argwöhnisch. Jemand hatte sehr sorgfältig die Mitte freigeräumt und ihn dort platziert. Zu allem Überfluss stand auch noch „Dringend!“ in roter Leuchtschrift darauf.

„Trotzdem scheiße gelaufen. Ich hätte ihnen nachfliegen und den Aufenthaltsort der Zielperson erfahren sollen, damit die Shifter Force One zum Einsatz kommen kann.“ Seufzend langte Daphne in eine Tüte mit grünen Bonbons und bot Louis ebenfalls eines an, der kopfschüttelnd ablehnte. „Was war bei dir eigentlich los? Da laufen ja die wildesten Gerüchte.“

„Pfft!“, schnaubte Louis, wog den Umschlag in der Hand und überlegte für einen rebellischen Moment, ob er den kläglichen Rest Kaffee darüber kippen sollte. Bekanntlich löst Kaffee jedoch keine Probleme, und ganz sicher keine, die von höchster Stelle kamen, wie er dem Emblem entnehmen konnte. Shifter Force One. Natürlich hatte das Symbol der Wandlersondereinheit die Form eines Wolfskopfes. Am liebsten hätte er das Teil mit den Zähnen zerfetzt und drauf gepinkelt.

„Es wurde überdramatisiert“, murmelte er, die Finger ruhten auf dem Siegel. Was würde ihn erwarten? „Nur weil dieser bescheuerte, räudige Köter zur unpassenden Zeit aufgetaucht ist.“ Zögernd fuhr der Zeigefinger über das Wachs und entschlossen brach er es auf. Schlimmer als diese verfluchte, langweilige Schreibtischarbeit konnte fast nichts sein.

„Den du lässig hakenschlagend hättest abhängen können, nachdem du den Microchip hattest“, ergänzte Daphne zynisch grinsend. „Oder dich artgerecht irgendwo verkriechen.“

„Hätte ich ja auch gerne versucht. Kann ich was dafür, dass das dämliche Viech Frischfleisch gewittert hatte und wie irre kläffend unter dem Fenster herumsprang? War ja klar, dass mein Zielobjekt in seinem geleckten Anzug hinschauen musste. Und wenn da nun mal ein Kaninchen im Büro sitzt …“

Giggelnd lachte Daphne und am Nebentisch fiel natürlich auch Torsten ein. Sogar Ingolf grinste herüber und Louis entblößte knurrend die Vorderzähne. Toll, keiner von ihnen war schließlich dabei gewesen, keiner hatte diesen Streuner da draußen herumhüpfen sehen, der seine Tarnung auffliegen lassen konnte, den ganzen Auftrag gefährdete. Und zudem zu diesen elendigen, dreitausendmal verfluchten Hundeartigen gehörte, die er mehr als alles andere hasste.

„So dumm muss man erst mal sein, von einem Hund beim Hochklettern bemerkt zu werden“, meinte Ingolf. „Schon mal was von Jagdinstinkt gehört?“

„Schon mal was von: ‚Angriff ist die beste Verteidigung’ gehört, Baumratte?“, konterte Louis, rieb sich das stoppelige Kinn und zerriss mit Wonne den Umschlag. Nicht, ohne den Brief vorher entnommen zu haben. Beileibe, noch mehr Ärger konnte er nicht gebrauchen.

„Weil gewöhnliche Karnickel auch aus dem Fenster im ersten Stock springen, direkt auf einem Hund landen, diesem die Ohren zerfetzen und ihn mit den Hinterpfoten vermöbeln, bis er winselnd das Weite sucht.“ Lachend schlug sich Torsten auf die dürren Oberschenkel.

„War halt ein verfluchter Feigling“, brummte Louis, spürte, wie auch in der Situation damals, die Wut in sich gären. Gut, dass der Hund geflohen war, sonst hätte er ihn in seinem Zorn vermutlich wirklich erledigt. Dabei war es nur ein echter Hund, der den Kaninchenbraten falsch eingeschätzt hatte. Verflucht sollen dessen karnivore Instinkte sein.

„Und der Microchip?“, warf Torsten ein, legte den Kopf in seiner typischen Geste ein wenig zur Seite, als ob er lauschen würde.

„Guter Witz. Hätte ich auf den Tisch springen, direkt vor der Nase meines Zielobjekts dessen Aktentasche aufreißen, das Ding klauen und damit verduften sollen? Vielleicht hättest du ihn mit großen Bambiaugen darum gebeten, ich habe lieber Hackengas gegeben, ehe ich als deren Kaninchenbraten geendet wäre.“ Verstimmt entfaltete Louis den Brief, überflog den ersten Teil mit der offiziellen Anrede im Namen der Shifter Force. Interessant wurde es erst darunter. Im Büro wurde noch immer gekichert, bis eine tiefe Stimme aus der Ecke erklang: „Haltet mal die Füße still. Jeder, der dasselbe wie Louis erlebt hat, wäre auch ausgerastet.“

Langsam hob Louis den Blick, begegnete den braunen Augen von Marius, der ihn ohne Spott betrachtete. Augenblicklich pochte Louis´ Herz heftiger, die Finger wollten sich krümmen, der Schmerz schoss in seine Eingeweide wie hundert Messer und die Kehle lag im Würgegriff eines unsichtbaren Angreifers. Genau daran hatte er nicht erinnert werden wollen. Schon gar nicht hier oder von so einem.

„Ich brauch dein Mitleid nicht, Wiesel“, schnaubte er. „Kümmere dich um deinen Dreck.“

„Tja, unser Louis hasst alle Karnivoren und Omnivoren. Das schließt auch Wiesel ein“, vernahm er Torstens sanfte Stimme, bemühte sich jedoch, die Schrift zu lesen, obwohl seine Augen brannten und er das Gefühl hatte, ersticken zu müssen. Verdammt, dabei war Marius sicher kein schlechter Kerl, aber er hatte ihn auf dem ganz falschen Fuß erwischt. Wenn er daran dachte … Nein! Nicht daran denken, die Gefühle nicht hochkommen lassen. Ganz besonders nicht, wenn er gleich zum Chef musste. Der mochte ein Schaf sein, war aber ganz und gar nicht lammfromm.

Und was sollte dieser Scheiß hier bedeuten? Geheimer Auftrag? Er sollte sich schon mal über eine Firma in Berlin informieren. Genaueres bei der Besprechung? Was zur Hölle sollte das werden? Etwa ein neuer Außeneinsatz?

Rasch tippte Louis den Firmennamen ein, vage Erwartung verdrängte den Hass und Kummer vorerst. Wenn er nur ein paar Tage dem Mief des engen Büros entkommen durfte. Seit drei Monaten schob er Schreibtischdienst. Wie er es vermisste, unterwegs zu sein, das Zielobjekt ausfindig zu machen, die Beobachtung und auch den Nervenkitzel, wenn es um Besorgungen ging.

Die Shifter Force agierte weltweit in verschiedenen Abteilungen. Zugegeben, die Sektion Nordeuropa, mit Sitz in Berlin, war deutlich unbedeutender als die in den USA und anderen Ländern. Nichtsdestotrotz gefiel es ihm, wenngleich er seit dem Prozess konsequent alleine gearbeitet hatte und besonders den Kontakt zu jedem der karnivor veranlagten Agenten mied. Fleischfresser, die Karnivoren, gehörten natürlich zur Kategorie Eins der Wandler, während man die Allesfresser, die Omnivoren, in Kategorie Zwei stufte. Und ganz unten standen die Pflanzenfresser, die Herbivoren.

Als Vegetarier blieben sie ohnehin gerne unter sich, und in der Shifter Community waren sie diejenigen, die man für Drecksarbeit oder den Bürokram einsetzte. Kampfeinsätze, Gefahrensituationen jeder Art, waren ausschließlich den klassischen Wandlern vorbehalten. Wölfe, Löwen, Bären, Adler, die Elite der Wandler. Wie er sie verabscheute, diese arrogante Bande.

Schnaubend überflog Louis die Datenbanken. „Better World – Pharmazeutische Innovationen“, klang nichtssagend, und letztlich war alles, was er über die Firma herausfand, die, neben dem Hauptsitz in Berlin, noch ein paar Ableger in den USA, Australien und Japan hatte, nichts von Bedeutung. Kein Hinweis auf illegale Aktivitäten oder obskuren Handel. Vornehmlich Medikamente gegen Schmerzen wurden hergestellt, die Forschung bewegte sich zudem auf dem Gebiet besonderer Heilmittel für Schwangere. Und der Forschung an Embryonen. Auch nicht ungewöhnlich in diesem Sektor. Hm. Nachdenklich strich sich Louis die hellbraunen Haare zurück, klemmte sich eine Strähne hinter das Ohr. Wo war der Haken?

Ah Mist, beinahe hätte er die Zeit vergessen. Hastig sprang er auf, zupfte sich sein Hemd mit dem etwas zu schäbig wirkenden Sakko zurecht und strich sich die Haare zurück. Besonders eindrucksvoll oder gepflegt wirkte er sicher nicht, was daran lag, dass er schon eine ganze Weile wenig Wert darauf legte. Alles hatte sich verändert und da war diese Leere in ihm, die sich durch nichts ausfüllen lassen wollte. Zu viel Raum für Hass, das wusste er selbst, konnte jedoch nicht dagegen angehen.

„Lass dir so richtig den Karnickelarsch aufreißen. Darauf stehst du doch, Rammler“, flüsterte Ingolf ihm im Vorbeigehen zu, die spitze Nase, die gut zu seinem Opossum passte, bewegte sich hin und her. Verärgert ballte Louis die Faust, drängte mühsam den Wunsch zurück, diese Rattennase einzuschlagen. Blödsinn, denn er wusste auch, dass Ingolf im Grunde nur gerne provozierte, seine scheinbare Bösartigkeit eher gespielt war.

Verstohlen holte Louis Luft, während er an die Tür klopfte und brav das „Herein!“ abwartete.

„Sie wollten mich sprechen?“ Mist, seine Hände waren feucht und es gab keine Möglichkeit, sie unbemerkt abzuwischen. Hinter dem Schreibtisch nickte ihm sein Chef Balian Matuschewski zu, deutete auf den Stuhl rechts vor dem wuchtigen Schreibtisch, der nahezu ebenso viele Papierstapel aufwies wie Louis‘ eigener. Wer war denn dieser geschniegelte Typ in dem Besuchersessel? Unverhohlen neugierig musterte Louis ihn.

„Ah, ich stelle vor: Trevor Trevorian, Leiter der Abteilung Übersee Shifter Force One. This is Louis Bauer, my agent for observation and other requests“, fuhr er mit einem derart entsetzlich deutschem Akzent fort, dass es Louis die Fußnägel aufrollte. Zwei Jahre Einsatz im amerikanisch- und englischsprachigen Raum hatten ihn die Sprache lieben gelehrt. Es tat weh, wenn sie so vergewaltigt wurde.

„Es wird nicht nötig sein. Wir können uns auf Deutsch unterhalten“, unterbrach Trevorian mit einem breiten Lächeln. Sein schwarzer Anzug wirkte wie geölt, kein einziges Staubkorn, nicht ein Härchen darauf, die Schuhe glänzten weit mehr als Louis’ Spiegel daheim und der Handschlag, mit dem er ihn begrüßte, war fest.

Karnivore, er war sich ganz sicher, und entsprechend rasch zog Louis seine Hand zurück.

„Ich bin erfreut, Sie kennenzulernen. Ich kenne Ihre Akte recht gut. Äußerst bemerkenswert für einen Kategorie Drei-Wandler. Beeindruckend, wie Sie den Einsatz in Bolivien damals erledigt haben. Respekt. Ebenso den in Mexiko. Dank der Informationen, die Sie uns beschafft haben, konnten wir die ganze Drogenbande auf einmal auffliegen lassen. Oh, und ich bedauere, was mit Ihrem Partner geschehen ist. Unschön, wenn dergleichen passiert.“

Arschloch! Musste er das zur Sprache bringen? Louis zwang sich zu einem unverbindlichen Lächeln, spürte, wie die Gesichtszüge einfroren.

„Ja, in der Tat war es sehr unschön, zusehen zu müssen, wie er von einem Wandler ohne jedes bisschen Selbstdisziplin zerfleischt wurde, der dann auch noch auf Bewährung freikam“, rutschte es Louis zischend heraus. Scheiß drauf, er konnte dabei seinen Mund einfach nicht halten.

„Herr Bauer, das ist hier kein Thema!“, warf Balian von der Seite ein, leichte Panik in der Stimme.

„Ihre Wut ist verständlich“, erwiderte Trevorian mit einem geschäftsmäßigen Lächeln, ließ sich in den Sessel zurücksinken. „Wir alle unterliegen nun mal Gesetzen und Entscheidungen, über die die Jury und Richter der Shifter Community befinden.“

Hart presste Louis die Kiefer zusammen, damit ihm kein unpassender Kommentar entkam, wohin diese elendigen Fleischfresser von Jury, und besonders der fette Richter, sich sein Urteil stecken konnte. Mühsam beherrscht setzte er sich aufrecht hin. „Was liegt an?“

„Es geht um ein neues Projekt, eine besondere Zusammenarbeit“, begann Trevorian, noch ehe Balian den Mund nur halb geöffnet hatte. „Sie werden einen neuen Agenten einarbeiten, den ich Ihnen zugeteilt habe. Zwar fehlt ihm noch ein wenig Erfahrung im direkten Einsatz, dafür war er der Beste seiner Ausbildungseinheit und verfügt über ausgezeichnete Fähigkeiten. Wir setzen viel Hoffnung in ihn und möchten, dass er sich zunächst im kleineren Rahmen bewährt.“

Na, großartig. Im Klartext: Er sollte einen arroganten, eingebildeten Frischling bemuttern. Das hatte ihm ja gerade noch gefehlt. Auf Arschlecken stand er nur im Bett.

„Dafür gibt es doch sicher geeignetere Agenten“, warf Louis ein, gab sich keine Mühe, die Ablehnung zu verbergen.

„Vermutlich. Nichtsdestotrotz hält mein Vorgesetzter Sie für geeignet.“ Autsch, das klang so bissig wie es wohl gemeint war. Missmutig verzog Louis den Mund und krauste die Stirn. Sein Vorgesetzter? Also von wie weit oben kam dieser Befehl denn?

„Wusste gar nicht, dass ihr da drüben überhaupt wisst, dass es uns gibt“, entkam es ihm.

„Louis!“ Balians Wangen überzogen sofort hektische, rote Flecken, doch Trevorian beschwichtigte ihn mit einer entsprechenden Geste.

„Die Shifter Community ist recht unübersichtlich. Wir in der Shifter Force One kennen jedoch jeden unserer Agenten. Egal, wie unbedeutend sie sein mögen. Wie ich eingangs schon erwähnte, ist mir besonders Ihre Akte durchaus geläufig. Ihre Hartnäckigkeit, mit der Sie sich einen Job in der Shifter Force erarbeitet haben. Ebenso die zahlreichen Disziplinarverfahren. Und soll ich Ihnen etwas verraten?“ Trevorian beugte sich vor, legte die manikürt wirkenden Hände aneinander und sein Grinsen war so eindeutig Kojote, dass Louis instinktiv schauderte. „Genau deswegen fiel die Wahl auf Sie. Was unser neuer Agent noch lernen soll, ist es, ungewöhnliche Wege in Betracht zu ziehen. Sie haben in zahlreichen Situationen bewiesen, dass Sie wenig auf Verhaltensmuster und Verfahrensweisen geben und gerne improvisieren. Das ist eine ungewöhnliche, wenngleich nicht immer praktische oder gar gefällige Fähigkeit. Also, denke ich, dass unser Agent dabei viel lernen wird. Und sei es, dass all unsere Vorschriften und Verhaltensmuster für Wandler einen höheren Sinn haben.“

„Sagen Sie das auch dem Mörder meines Partners?“ Schnaubend starrte Louis Trevorian an. „Oberstes Gebot: Beherrsche den Wandler in dir. Zu jeder Zeit, an jedem Ort.“

„Dieses Gebot hat nie an Bedeutung verloren“, erwiderte Trevorian leise, erstaunlich eindringlich, schnitt Louis mit einer herrischen Geste das Wort ab und erhob sich. „Ich halte es für angemessen, dass Sie und unser Agent sich zunächst persönlich kennenlernen, und dafür sind diese Räumlichkeiten ungeeignet.“ Er griff in die Tasche seines Anzugs und zog eine Visitenkarte heraus, die er Louis hinhielt. Mit vor unterdrückter Wut minimal bebenden Fingern nahm Louis sie entgegen. Die Karte eines Restaurants.

„Sie werden unseren Agenten dort in einer Stunde treffen. Das Essen geht auf Spesenrechnung. Genießen Sie es.“

Und das war es? Verblüfft schaute Louis von einem zum anderen.

„Ihre Einsatzpläne werden Sie zukünftig unmittelbar von mir erhalten, Sie unterstehen fortan alleine meiner Abteilung, genauer gesagt, nur mir“, fuhr Trevorian fort, schnippte ein Staubkorn fort, das es gewagt hatte, sich auf seiner Schulter niederzulassen und ignorierte Balians überraschten Laut. „Unser Agent wird Sie auch mit dem Equipment vertraut machen, mit dem wir für gewöhnlich arbeiten.“

„Krallen und Zähne? Danke, die habe ich auch“, murmelte Louis, viel zu perplex, um es rebellisch klingen zu lassen. Verstand er das richtig? Es wurde einfach vorausgesetzt, dass er mit diesem ominösen Mister Eliteagentenpotential zusammenarbeitete?

Trevorian überhörte es geflissentlich, reichte ihm eine andere Karte mit dem Emblem der Shifter Force. „Hier haben Sie meine Kontaktdaten. Morgen, 12 Uhr, Besprechung in der Basis. Adresse steht dabei.“

„Ähm“, warf Balian ein, kratzte sich an der beginnenden lichten Stelle auf seinem Schädel.

„Ja?“ Au verdammt, Trevorian schaffte es, einen derart hochnäsigen Tonfall hinzubekommen, der Balian jeden weiteren Einwand abschnitt. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er Louis’ Chef, bis dieser den Kopf schüttelte, betreten auf seinen Schreibtisch starrte.

„Mein Einverständnis wird vorausgesetzt, oder?“, brachte Louis nur halb so sarkastisch hervor wie gedacht. Einerseits reizte es ihn, endlich dem Mief im Büro zu entkommen, die Neugierde auf diesen Superknaben wuchs ebenso wie auf die Frage, was wirklich dahintersteckte. Andererseits hasste er es, schlicht übergangen zu werden in der Entscheidung.

„Es ist nicht nötig. Vielleicht handhabt ihr in Europa das ja anders, bei uns ist dies ein Befehl von höchster Stelle, Agent.“ Oha, ja, Trevorian hatte scharfes Metall in der Stimme. Mit verärgert verzogenem Mund musterte ihn Louis. Scheiße, er würde sich gewiss nicht einschüchtern lassen, er war eben kein Karnickel, das vor der Schlange saß und vor Angst erstarrte. Er kratzte ihr die Augen aus.

Ehe er jedoch recht formulieren konnte, was er mit dieser Art von Befehl zu tun beabsichtigte, tippte sich Trevorian auch schon grüßend an die Stirn und wandte sich zur Tür.

„Lassen Sie unseren Agenten nicht warten. Unhöflichkeit ist schließlich ein rein amerikanisches Privileg.“ Zwinkerte der ihm etwa zu? Verblüfft schaute ihm Louis hinterher, als die Tür zufiel. In seiner Hand lagen die beiden Visitenkarten. Okay, er könnte sie jetzt in Balians Papierkorb pfeffern, seine Kündigung gleich dazulegen und verschwinden.

Oder zum Essen mit Mister Ominös gehen. Hm, natürlich ein Steakhouse. Wie amerikanisch. Wütend schürzte er die Lippen, überhörte Balians gemurmelte Entschuldigung und marschierte entschlossen los. Er hatte verdammten Hunger.

Kurzfristig überlegte Louis, ob er noch einen Abstecher in seine Wohnung machen sollte, um sich ein wenig … passabler zu präsentieren, verwarf den Gedanken jedoch grimmig. Der Eliteagent sollte ihn ruhig gleich richtig kennenlernen, und schließlich hatten sie kein Date, sondern ein Arbeitsessen.


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